Zur Geschichte der Orgel
in St. Laurentius zu Essen-Steele
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Im Jahre 1874 baute Franz Wilhelm Sonreck (1822-1900) aus Köln in die 1875 konsekrierte Pfarrkirche eine mechanische Schleifladenorgel ein, die ihren Platz auf der rückwärtigen Westempore fand, die zu der damaligen Zeit nur den Turmraum einnahm. Der Orgelbühnen-Vorbau wurde erst 1924 im neugotischen Stil angelegt. Die Orgel besaß 30 Register, die auf zwei Manualen und Pedal verteilt waren. Das reich geschnitzte Gehäuse aus massiv Eichenholz mit hochliegendem Verbindungsstück im neogotischen Stil ist uns erhalten! Das Pedalwerk fand seinen Platz vor der Rosette, die aber im Wesentlichen frei blieb, wobei das Orgelkorpus bezüglich des Haupt- und Nebenwerks eine größere Tiefe als heute besaß. Das durch Holzpfeiler aufgestelzte Orgelgehäuse besaß zu beiden Seiten Unterbauten.. Der Spieltisch war seitlich stehend rechts unter dem Hauptwerk positioniert, was aus einem schwer lesbaren Brief des damaligen Organisten Kondring aus Steele hervorgeht, geschrieben am 30.12.1902 an seinen Kollegen Thielen in Goch. Darin beklagt er sich u.a. über die sehr schwere Spielart der mechanischen Traktur, die bei feuchtem Wetter an Schwerfälligkeit zunahm. Zudem war die Spielart bezüglich der zwei Manuale ungleichmäßig, weil aufgrund der dezentralisierten Position des Spieltisches die Trakturwege zu den zwei Manualwerken der Orgel ungleich lang waren und die Aufteilung der Pfeifen innerhalb eines Registers in Cis-Lade (linke Gehäuseseite) und C-Lade (rechts) die Anschlagsstärke der Tasten differenzieren.
Weitere Anhaltspunkte zu den Details können hierzu nur bedingt geliefert werden, weil leider keine vergleichbar großen Instrumente von Sonreck erhalten sind. Die Disposition läßt die Vermutung zu, daß der Cornett wie in anderen Sonreck-Orgeln nur 4-fach war. Es ist denkbar, daß beim Ziehen des Registerzuges ein fünfter Chor, der 8 Fuß, automatisch zugezogen wurde.
Ebenso ist es möglich, daß die Cymbel 5-fach entsprechend der Klangvorstellung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weniger Chöre hatte. Vermutlich hat hier schon Jepkens falsch zitiert (siehe Albert Jepkens: „Die neue Orgel der katholischen Pfarrkirche zu Kempen am Niederrhein“, Köln 1876, S. 39-40).
Das Klangideal dieser Orgel wird aus den folgenden Sätzen des Steeler Revisions-Protokolls von Herrn Schrade, dem Königlichen Seminar-Musiklehrer in Büren, ersichtlich:
„Die gemischten Stimmen wirken in Verbindung mit ihren Grundstimmen glanzvoll und geben dem Orgeltone die nothwendige Schärfe, fern von unedlem, gemeinem Geschrei. Das ganze Werk macht eine imposante Wirkung. Fülle und Kraft, Deutlichkeit und Bestimmheit, gehoben durch ein kräftig wirkendes Pedal, erhöhen den herrlichen, großartigen Eindruck, den das ganze Werk auf den Hörer macht."
Im Gegensatz zu der großen Sonreck-Orgel in Kempen am Niederrhein gab es in Steele keinen Barkerhebel, der mittels kleiner Bälgchen die Spielart der mechanischen Traktur erleichtert. Diese unbefriedigende Spielart sowie die ungünstigen Platzverhältnisse für den Kirchenchor mit gleichzeitig schlechter Klangabstrahlung in den Kirchenraum führte schließlich 1906 zu einer generellen Neukonzeption des Orgelwerks durch Johannes Klais aus Bonn.
Disposition
Johannes Klais (1852-1965) baute 1906 eine pneumatische Kegelladenorgel (Opus 331) mit 38 Registern (statt bisher 30) auf zwei Manualen verteilt unter Wiederverwendung der Gehäuseteile und etlicher Register von Sonreck. Klais entfernte die Unterbauten zu beiden Seiten der Gehäusehälften und brachte auf jeder Seite im vorderen Bereich zwei Stützen zum Abfangen der Gewichte an. Im hinteren Teil wurden diesbezüglich zwei horizontale Stahlträger im Mauerwerk verankert, wobei das Gehäuse dort gekürzt worden ist und die beiden Pedalwindladen ihren Platz an den beiden Seitenwänden der Turmkammern über Kopfhöhe fanden. Durch diese Umstellung der Pedalwindladen ist vor der rückwärtigen Rosette der Platz frei, wo Klais nun den neuen Spieltisch mittig mit dem Blick des Organisten zum Altar positionierte. Es sei an dieser Stelle besonders darauf hingewiesen, daß das Hauptwerk für eine Superkoppel mit den Tönen gs3bis gs4ausgebaut worden ist, deren Pfeifen leider 1968 alle entfernt wurden. Viele Detailfragen bezüglich des Pfeifenwerks bleiben natürlich offen, so auch, ob der Cornett 3f im Schwellwerk nur zwei Pfeifenreihen besaß und als dritter Chor das selbständige Register Flautino 2´ benutzt wurde. Johannes Klais verwendete bei dieser Orgel auch die Prospektpfeifen aus hochlötigem Zinn von Sonreck. Diese Pfeifen sind wohl im ersten Weltkrieg abgeliefert und in den 20-er Jahren durch neue Zinkpfeifen ersetzt worden.
Die Klangcharakteristik dieser Orgel ist an noch erhaltenen und restaurierten Instrumenten abzulesen. Demnach muß diese Orgel einen sehr vollen, kräftigen und runden Klang besessen haben, der durch kraftvolle Zungenstimmen ergänzt war, die leider 1968 entfernt und durch klanglich schlechte Zungen ersetzt wurden, die keineswegs dem Gesamtcharakter der Orgel entsprachen. Glücklicherweise wurde die Orgel im Bereich der noch vorhandenen Labialstimmen nur unwesentlich umintoniert.
Die noch vor Ausbau des Pfeifenmaterials ablesbare Zuordnung der Windladen im Innern der Orgel zeigte, daß die Orgel von 1906 keinen orgelmäßigen Bezug zum neugotischen Prospekt hatte. Johannes Klais hatte versucht, auf möglichst wenig Raum (weniger als bei Sonreck) wesentlich mehr Register unterzubringen, wobei die Zugängigkeit der Orgel sehr beschwerlich gewesen sein muß. Der Doppelfaltenmagazinbalg mit untergehängten Schöpfern stammte noch von 1906 und stand in der rechten Turmkammer, wobei die elektrische Gebläsemaschine später zugefügt wurde.
Im Gegensatz dazu waren die Platzverhältnisse für den Kirchenchor gegenüber der Sonreck-Zeit wesentlich verbessert. Die Traktur dürfte im Rahmen der pneumatischen Konstruktion eine große Erleichterung für den Organisten gebracht haben.
Disposition
im Jahre 1968
Im Laufe der Folgezeit stellten sich nun an dem Instrument zunehmend zahlreiche Fehler und Verschleißerscheinungen ein, die man aus heutiger Sicht mit einer am Instrument orientierten Restaurierung beseitigt hätte.
Die Orgelbaufirma Stockmann beließ die grundsätzliche Anlage von 1906, entfernte jedoch die pneumatische Traktur und ersetzte sie durch eine elektrische Verbindung von dem neuen Spieltisch aus zum Werk, die vermutlich präziser arbeitete. Zu dieser Zeit galt eine spätromantisch disponierte, pneumatisch gesteuerte Orgel als nicht mehr zeitgemäß.
Zum Teil verwendete Stockmann bei seinen neuen Registern Pfeifen von 1906, die sich wieder zurückführen lassen. Entfernt wurde spätestens zu diesem Zeitpunkt wie bereits erwähnt die ausgebaute Superoktave des Hauptwerks. Wie in vielen anderen Fällen kommt zu der elektrifizierten Traktur ein durch den neobarocken Trend aufgehellt disponierter Klang, weil der grundtönige romantische Klang nicht mehr als befriedigend galt. Diese „Aufnordung“ genannte Umdisponierung lag im Zug der Zeit. Zum damaligen Zeitpunkt war noch nicht jeder Orgelbauwerkstatt bekannt, daß entsprechend hochdisponierte Register auf Kegelladen nervös ansprechen und damit musikalisch letztlich unbrauchbar sind. Infolge der engen Mensurierung und scharfen Intonation dieser Register treten darüber hinaus Klangbrüche auf, die das ursprüngliche Klangbild verfälschen.
Von den insgesamt 38 Registern sind 12 dem barocken Geschmack geopfert worden, ohne daß dadurch eine klangliche Optimierung erzielt wurde, ganz das Gegenteil. Besonders die neu eingebauten Zungenstimmen ließen den vollen, runden und gravitätischen Klang romantischer Orgeln vermissen.
Schon das damalige Abnahmegutachten nach den Umbaumaßnahmen an der Orgel bemängelt den geringen Verschmelzungsgrad der neu hinzugefügten Register mit dem anderen Pfeifenmaterial, was bis zuletzt noch deutlich wahrzunehmen war.
Der sicherlich sehr schöne alte Spieltisch von 1906 wurde durch einen neuen ersetzt, der mittig vor der Emporenbrüstung seinen Platz fand. Von diesem dreimanualigen Spieltisch aus konnte über das I. Manual die ebenfalls von der Orgelbaufirma Stockmann 1978 erbaute Chororgel im südlichen Oktogonbereich angespielt werden.
Dispositionsänderungen
Fazit
Im Laufe der Zeit war der Verfall der Emporenorgel von 1874 unverkennbar. Der Umbau im Jahre 1968 durch Stockmann nach den Zerstörungen des Weltkrieges brachte aufgrund der schlechten Finanzlage nur die notwendigsten Reparaturen und Veränderungen, damit die Orgel überhaupt spielbar blieb. Nicht nur das Pfeifenmaterial und die Technik waren gefährdet, sondern die Statik der gesamten Anlage stimmte nicht mehr. Die Orgel neigte sich langsam zum Kircheninnern hin und war inzwischen eine erhebliche Gefahrenquelle geworden. Entsprechend Gutachten zwangen uns, die Orgel in absehbarer Zeit stillzulegen und auszulagern. Orgelsachverständige des Bistums Essen und des Landesdenkmalamtes hatten schon seit Jahren zu einer umfassenden Sanierung der Orgel geraten, da sie eine der ganz wenigen Kirchenorgeln aus der Gründerzeit im Ruhrgebiet ist.
mit mechanischen Schleifladen
Aus den nunmehr eingeholten Restaurierungsangeboten namhafter Orgelbaufirmen bekam die Orgelbaufirma Johannes Klais aus Bonn den Auftrag.
Nach Vertragsabschluß wurde schließlich im Oktober 1995 unsere Emporenorgel aus Sicherheitsgründen stillgelegt und bis auf das prächtige Gehäuse abgetragen. Das gesamte wiederverwendbare Pfeifenmaterial lagerte bei der Firma Klais in Bonn und wartete auf die Überarbeitung, bis schließlich am 19. April 1999 die Orgel geliefert wurde und der Einbau begann.
Die insgesamt 37 Registern sind auf zwei Manualen und Pedal mit mechanischer Spiel- und elektrischer Registertraktur verteilt. Die neue elektronische Setzeranlage mit ihren 1.024 Kombinationen (4 Bereiche x 8 Gruppen x 8 Setzer x 4 Ebenen) ermöglicht die Darstellung umfangreicher Literatur, ohne aufgrund registriertechnischer Probleme musikalische Kompromisse einzugehen.
Besonders hingewiesen wird hier auf die Sub- und Superokatavkoppeln, die eine Rückführung zur Klais-Orgel von 1906 bilden, das Klangspektrum des Instrumentes wesentlich erweitern und den Anforderungen der deutsch-romantischen Orgelliteratur gerecht werden.
Aktuelle Disposition |